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Selbstständig machen: der komplette Leitfaden von der Idee bis zur ersten Rechnung

Von Peer Kramer · Stand Juli 2026 · Lesezeit ca. 15 Min.

Du willst dich selbstständig machen — und stehst vor einem Berg aus Fragen: Freiberufler oder Gewerbe? Neben- oder hauptberuflich? Welche Rechtsform, welche Anmeldung, Kleinunternehmer ja oder nein, welchen Stundensatz nehme ich, und wie sieht eine korrekte erste Rechnung aus? Dieser Leitfaden führt dich in der richtigen Reihenfolge durch alle Schritte — von der Idee bis zur ersten Rechnung. Jedes Kapitel gibt dir den Überblick und verlinkt in die Tiefe, wenn du mehr Details oder einen passenden Rechner brauchst.

1Status & Rechtsform 2Neben- oder hauptberuflich 3Anmeldung 4§19 oder Regelbesteuerung 5Erste Rechnung 6Steuern & Buchhaltung
Inhalt — spring direkt zum Thema:
  1. Bin ich Freiberufler oder Gewerbetreibender?
  2. Nebenberuflich oder hauptberuflich starten?
  3. Die richtige Rechtsform
  4. Anmeldung: Gewerbeamt und/oder Finanzamt
  5. Kleinunternehmer oder Regelbesteuerung?
  6. Was kostet mich die Selbstständigkeit — und was nehme ich?
  7. Die erste Rechnung richtig schreiben
  8. Steuern & Buchhaltung von Anfang an
  9. Häufige Fehler beim Start
  10. Häufige Fragen (FAQ)

1. Bin ich Freiberufler oder Gewerbetreibender?

Die allererste Weiche entscheidet über fast alles, was danach kommt: Steuern, Anmeldung und Buchhaltung. Freiberufler üben eine der in § 18 EStG genannten Tätigkeiten aus — die sogenannten Katalog- und ähnlichen Berufe sowie wissenschaftliche, künstlerische, schriftstellerische, unterrichtende oder erzieherische Tätigkeiten. Typische Beispiele sind Ärztinnen, Rechtsanwälte, Steuerberater, Architektinnen, Journalisten, Dozentinnen oder viele Designer. Freiberufler brauchen keine Gewerbeanmeldung, zahlen keine Gewerbesteuer und dürfen ihren Gewinn immer per einfacher Einnahmenüberschussrechnung (EÜR) ermitteln — unabhängig vom Umsatz.

Gewerbetreibende sind alle, die nicht unter § 18 fallen — vom Handwerksbetrieb über den Onlinehandel bis zur Unternehmensberatung ohne akademischen Katalogberuf. Sie melden ein Gewerbe an und sind grundsätzlich gewerbesteuerpflichtig (mit einem Freibetrag von 24.500 € Gewerbeertrag pro Jahr für Einzelunternehmen und Personengesellschaften). Ob du Freiberufler oder Gewerbetreibender bist, entscheidest übrigens nicht du selbst, sondern letztlich das Finanzamt anhand deiner tatsächlichen Tätigkeit.

Die Abgrenzung ist im Detail heikel — gerade in Grenzbereichen wie IT, Beratung oder Coaching. Im ausführlichen Ratgeber gehen wir die Katalogberufe, die „Mischfälle" und die Folgen für Gewerbesteuer, IHK und Buchführung durch: Freiberufler oder Gewerbe? — die komplette Einordnung.

2. Nebenberuflich oder hauptberuflich starten?

Viele gründen erst einmal nebenberuflich — neben Anstellung, Studium oder Elternzeit. Das ist ein kluger, risikoarmer Einstieg: Du testest dein Angebot am Markt, ohne sofort von den Einnahmen leben zu müssen. Steuerlich und rechtlich funktioniert eine nebenberufliche Selbstständigkeit genauso wie eine hauptberufliche — dieselbe Anmeldung, dieselben Rechnungspflichten. Der große Unterschied liegt bei der Krankenversicherung: Solange deine Selbstständigkeit als „nebenberuflich" gilt, bleibst du über deinen Hauptjob (oder ggf. die Familienversicherung) abgesichert und zahlst keine zusätzlichen Beiträge auf die selbstständigen Einkünfte.

Ob die Krankenkasse dich als neben- oder hauptberuflich einstuft, hängt vor allem an Arbeitszeit und Gewinn im Verhältnis zu deinem Hauptberuf. Als grobe Orientierung gilt: Wer regelmäßig mehr als 20 Stunden pro Woche selbstständig arbeitet und daraus mehr als die Hälfte seines Lebensunterhalts bestreitet, gilt meist als hauptberuflich selbstständig. Die Kassen ziehen dabei die monatliche Bezugsgröße heran (2026: 3.955 €). Die Regeln sind aber kein starres Rechenschema, sondern eine Gesamtbetrachtung.

Rechne deinen konkreten Fall durch, bevor du startest: Der Nebenberuflich-Rechner zeigt dir die Ampel für deinen Krankenversicherungs-Status. Alle Feinheiten (Familienversicherung, Minijob-Kombi, Rentenversicherung) findest du im Ratgeber „Nebenberuflich selbstständig machen".

3. Die richtige Rechtsform

Die gute Nachricht für die meisten Gründer: Am Anfang brauchst du dir wenig Kopfzerbrechen zu machen. Wer allein startet, ist automatisch Einzelunternehmer — ohne Vertrag, ohne Notar, ohne Mindestkapital. Das ist die einfachste und günstigste Form. Ihr Preis: Du haftest mit deinem Privatvermögen. Gründen zwei oder mehr Personen gemeinsam, entsteht ohne weiteres Zutun eine GbR; auch hier haften alle Gesellschafter persönlich und unbeschränkt.

Wer die Haftung begrenzen will, greift zur Kapitalgesellschaft — UG (haftungsbeschränkt) ab 1 € Stammkapital oder GmbH mit 25.000 € Stammkapital (davon mindestens 12.500 € eingezahlt). Beide bedeuten aber deutlich mehr Aufwand: Notar, Handelsregister, doppelte Buchführung und Jahresabschluss. Für die allermeisten Solo-Selbstständigen lohnt sich dieser Aufwand am Anfang nicht.

RechtsformMindestkapitalHaftung
Einzelunternehmenkeinsvoll privat
GbR (ab 2 Personen)keinsvoll privat, alle Gesellschafter
UG (haftungsbeschränkt)ab 1 €auf Gesellschaftsvermögen begrenzt
GmbH25.000 €auf Gesellschaftsvermögen begrenzt
Wann sich der Sprung zur UG oder GmbH wirklich rechnet — und warum das oft eher eine Frage von Haftungsrisiko und Gewinnhöhe als von Prestige ist: Rechtsform für Selbstständige — der Vergleich.

4. Anmeldung: Gewerbeamt und/oder Finanzamt

Jetzt wird es formal — aber es ist überschaubar. Zwei Wege, je nach Kapitel 1:

Der zweite Schritt betrifft alle: der Fragebogen zur steuerlichen Erfassung, den du über ELSTER ausfüllst. Damit teilst du dem Finanzamt u. a. deine geschätzten Umsätze und Gewinne mit, entscheidest über die Kleinunternehmerregelung (Kapitel 5) und bekommst am Ende deine Steuernummer. Er ist innerhalb eines Monats nach Aufnahme der Tätigkeit fällig.

Schritt für Schritt durch beide Behörden: Gewerbe anmelden — Ablauf, Kosten & Formular und Der Fragebogen zur steuerlichen Erfassung in ELSTER (mit den kniffligen Feldern erklärt).

5. Kleinunternehmer oder Regelbesteuerung?

Im Fragebogen triffst du eine Entscheidung, die viele unterschätzen: Kleinunternehmer nach § 19 UStG — oder Regelbesteuerung? Als Kleinunternehmer weist du keine Umsatzsteuer aus und führst keine ab; dafür sparst du dir die Umsatzsteuer-Voranmeldung und viel Bürokratie. Der Preis: Du darfst auch keine Vorsteuer aus deinen Einkäufen ziehen. Nutzbar ist die Regelung, wenn dein Umsatz im Vorjahr ≤ 25.000 € lag und im laufenden Jahr ≤ 100.000 € bleibt (Grenzen seit der Reform 2025, auch 2026 unverändert).

Die Faustregel: Wer vor allem an Privatkunden verkauft und wenig Ausgaben mit Vorsteuer hat, fährt mit § 19 meist gut. Wer viel investiert oder überwiegend an vorsteuerabzugsberechtigte Unternehmen verkauft, für den kann die Regelbesteuerung günstiger sein.

Alle Details, Vor- und Nachteile und die teure „0-%-USt"-Falle auf der Rechnung: Kleinunternehmerregelung (§ 19 UStG) einfach erklärt. Prüf mit dem Kleinunternehmer-Rechner, ob du unter den Grenzen bleibst.

6. Was kostet mich die Selbstständigkeit — und was nehme ich?

Der häufigste Anfängerfehler: den eigenen Stundensatz am Netto-Gehalt aus der Anstellung ausrichten. Das geht schief, denn als Selbstständige/r trägst du alles selbst — Krankenversicherung, Altersvorsorge, Urlaub, Krankheit, Weiterbildung, Steuern und die unbezahlten Stunden für Akquise, Buchhaltung und Angebote. Von deinen theoretischen 40 Wochenstunden bleiben nur ein Teil fakturierbar. Dein Stundensatz muss all das mitfinanzieren.

Realistisch rechnest du „von hinten": gewünschter Jahresgewinn + alle Kosten + Vorsorge, geteilt durch die tatsächlich abrechenbaren Stunden. So kommen für viele Solo-Selbstständige Sätze zusammen, die deutlich über dem „gefühlt fairen" Wert liegen — und trotzdem knapp kalkuliert sind.

Ermittle deinen Satz ehrlich und in zwei Minuten mit dem Stundensatz-Rechner. Die Logik dahinter — welche Kosten du wirklich einrechnen musst und typische Denkfehler — steht im Ratgeber „Stundensatz berechnen".

7. Die erste Rechnung richtig schreiben

Jetzt kommt der schönste Moment: die erste Rechnung. Damit das Finanzamt sie anerkennt und dein Kunde zahlen kann, müssen die Pflichtangaben nach § 14 UStG vollständig drauf sein — sonst kann dem Kunden (bei Regelbesteuerung) der Vorsteuerabzug gestrichen werden. Dazu gehören u. a.:

Bei Beträgen bis 250 € brutto reicht eine vereinfachte Kleinbetragsrechnung (§ 33 UStDV) mit weniger Pflichtfeldern — u. a. ohne Rechnungsnummer und Empfängeranschrift.

Die vollständige Checkliste aller Pflichtangaben (mit Muster) findest du im Ratgeber Rechnung schreiben — alle Pflichtangaben. Rechnung sofort erstellen? Der Rechnungs-Generator setzt alle Felder korrekt und hat den §-19-Umschalter für Kleinunternehmer.
Blick nach vorn — E-Rechnung: Empfangen können musst du strukturierte E-Rechnungen im B2B schon seit dem 1. Januar 2025. Beim Versenden gelten gestaffelte Übergangsfristen: kleinere Betriebe (Vorjahresumsatz bis 800.000 €) dürfen bis Ende 2027 weiter Papier oder einfache PDF nutzen, ab 2028 wird die E-Rechnung für alle inländischen B2B-Umsätze Pflicht. Details: E-Rechnungspflicht — was wann gilt.

8. Steuern & Buchhaltung von Anfang an

Keine Angst vor der Buchhaltung — als Solo-Selbstständige/r bist du meist auf der einfachen Schiene. Du ermittelst deinen Gewinn per Einnahmenüberschussrechnung (EÜR): Einnahmen minus Ausgaben, fertig. Freiberufler dürfen die EÜR immer nutzen; Gewerbetreibende ebenfalls, solange sie unter den Buchführungsgrenzen bleiben (Buchführungspflicht nach § 141 AO greift erst ab mehr als 800.000 € Umsatz oder mehr als 80.000 € Gewinn im Jahr).

Bist du nicht Kleinunternehmer, kommt die Umsatzsteuer-Voranmeldung (UStVA) dazu — anfangs oft monatlich, später quartalsweise. Der wichtigste Rat von Tag eins: Belege sauber sammeln, Geschäftliches und Privates trennen (am besten ein eigenes Geschäftskonto) und eine simple Buchhaltungssoftware nutzen, die Rechnungen, EÜR und ELSTER-Meldungen zusammenbringt. Das spart am Jahresende Stunden und Nerven.

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Accountable ist eine Buchhaltungs-App speziell für Solo-Selbstständige: Belege erfassen, EÜR und Umsatzsteuer-Voranmeldung direkt an ELSTER, Steuer-Schätzung in Echtzeit. Praktisch, wenn du Buchhaltung und Steuer von Anfang an schlank halten willst. Ob sie zu deinem Fall passt, entscheidest du selbst — es gibt eine kostenlose Version zum Ausprobieren.

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9. Häufige Fehler beim Start

10. Häufige Fragen

Was ist der erste Schritt, wenn ich mich selbstständig machen will?

Kläre zuerst, ob du Freiberufler oder Gewerbetreibender bist (Kapitel 1). Davon hängt ab, ob du zum Gewerbeamt musst. Danach folgt in jedem Fall der Fragebogen zur steuerlichen Erfassung beim Finanzamt über ELSTER.

Brauche ich als Freiberufler eine Gewerbeanmeldung?

Nein. Freiberufler nach § 18 EStG melden sich direkt beim Finanzamt an, zahlen keine Gewerbesteuer und brauchen keine Gewerbeanmeldung. Nur Gewerbetreibende melden beim Gewerbeamt an.

Was kostet die Gewerbeanmeldung 2026?

Die Gebühr legt jede Kommune selbst fest und liegt meist zwischen etwa 15 und 65 €. Die Online-Anmeldung ist in vielen Städten günstiger als die vor Ort.

Sollte ich als Anfänger die Kleinunternehmerregelung wählen?

Oft ja — wenn du vor allem an Privatkunden verkaufst und wenig Ausgaben mit Vorsteuer hast, spart § 19 Bürokratie. Bei hohen Anfangsinvestitionen oder überwiegend gewerblichen Kunden kann die Regelbesteuerung günstiger sein. Rechne deinen Fall durch.

Wie hoch sollte mein Stundensatz sein?

So hoch, dass er neben deinem Wunsch-Gewinn auch Krankenversicherung, Altersvorsorge, Urlaub, Steuern und die unbezahlten Stunden abdeckt — geteilt durch die tatsächlich abrechenbaren Stunden. Der Stundensatz-Rechner hilft dir dabei.

Kann ich mich auch nebenberuflich selbstständig machen?

Ja, und für viele ist das der beste Einstieg. Rechtlich und steuerlich läuft alles gleich; der Unterschied liegt vor allem bei der Krankenversicherung, solange die Tätigkeit als nebenberuflich gilt (Orientierung: unter 20 Wochenstunden und nicht überwiegender Lebensunterhalt).

Hinweis: Dieser Leitfaden bietet allgemeine Orientierung und ersetzt keine individuelle Steuer- oder Rechtsberatung. Werte und Fristen: Stand Juli 2026. Für deine konkrete Situation ist der Steuerberater die richtige Adresse.

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